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Plattenbau à la lyonnaise |
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| Plattenbau à la lyonnaise | |||||||||||||||||||||||||||||
| So „deutsch“ das Wort auch klingen mag: „die Platte“ ist (leider) keine deutsch-deutsche Geschmacksverirrung, sie ist ein ästhetisches Monstrum, international, grenzüberschreitend und gegossen aus dem grauen, harten Beton der Not. Das gilt für die unmittelbar nach Kriegsende gestarteten sozialen Wohnungsbauprogramme in Deutschland Ost wie West, das gilt ebenso für viele der in Rekordschnelle hochgezogenen Trabantenstädte im Frankreich der sechziger Jahre, als die Regierenden in Paris den Flüchtlingsmassen aus Algerien ein Dach über dem Kopf finden (oder eben bauen) mussten. Heute, im Jahr 2000, stellt sich auf beiden Seiten des Rheins immer drängender die Frage: „Was tun mit der Platte?“, „Welche HLM-Politik für die kommenden Jahre?“ - Ein Beitrag aus Lyon. | |||||||||||||||||||||||||||||
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Die französische Mitte-Links-Regierung hat in ihrem Reformeifer nun auch das Thema “Sozialen Wohnungsbau” auf den Gesetzgebungskalender gesetzt. Mitte März stimmten die Volksvertreter in erster Lesung mehrheitlich für den Gesetzesentwurf. Die Wende in der Wohnungsbaupolitik - wie soll sie aussehen? In allen größeren Städten müssen mindestens 20 Prozent der städtischen Wohnungen Sozialmietern zur Verfügung gestellt werden. Geplant sind groß angelegte Neubauprogramme - und saftige Strafen für renitente Bürgermeister, die sich weigern. Leitmotiv ist die “mixité sociale” - die “soziale Mischung” soll verbessert werden. Reich und Arm sollen künftig Tür an Tür wohnen. Abschied also von den verrufenen Trabantenstädten und Wohnsilos? - Die zweite Lesung des Gesetzes ist für den Juni geplant. Doch in der Provinz formiert sich zunehmend Widerstand gegen das Zwangsquotensystem. Bruno Gignoux ist stocksauer! “Die Typen dort im Ministerium in Paris haben doch nicht die geringste Ahnung”, echauffiert sich der für sozialen Wohnungsbau zuständige zweite Bürgermeister von Lyon. Grund für den kalkulierten Wutausbruch ist eine Zahl. In Lyon sind nur 14 Prozent des städtischen Immobilienbesitzes als Sozialwohnungen ausgewiesen - behauptet das Ministerium. “Völlig falsch!”, widerspricht Monsieur Gignoux. In der reichen Rhone-Stadt gebe es 40.000 Sozialwohnungen, also 18 Prozent. Und wenn man die 5.000 Wohnheimplätze für Gastarbeiter mitzähle, dann liege Lyon sogar eindeutig über 20 Prozent Sozialwohnungsanteil... - Zwischen Lyon und Paris tobt ein Grabenkampf der Statistiker. Stimmen die von Gignoux ins Feld geführten Zahlen, dann ist Lyon aus dem Schneider, die im neuen Gesetz vorgesehene Mindestquote wäre erfüllt. Stimmen jedoch die regierungsamtlichen 14 Prozent, müsste Lyon tief in die Steuerkasse greifen und umfangreiche Wohnungsbauprogramme auflegen; oder aber die gesetztliche Strafe von 5.000 Francs pro fehlender Sozialwohnung zahlen. - Ein Politikum sondergleichen, schließlich haben im Pariser Wohnungsbauministerium die mitregierenden Kommunisten das Sagen. Die ministerielle Zielmarke liegt bei einer halben Million neuer Sozialwohnungen in ganz Frankreich. Doch in der bürgerlich regierten Stadt Lyon ist ein konservativer Gaullist für die Wohnungsbaupolitik zuständig, Bruno Gignoux eben. Kommunisten gegen Gaullisten - das kann heiter werden. Bauen oder Nicht-Bauen, das ist derzeit in Lyon und anderen französischen Großstädten die Frage. Im Lyoner Bürgermeisteramt setzt man auf einen Kompromisskurs. Klasse statt Masse - das Motto soll künftig auch für den sozialen Wohnungsbau gelten, beispielsweise in der von regelmäßigen Straßenunruhen geprägten Problem-Vorstadt Vénissieux. Die Adresse ist polizeibekannt: Hausnummer 67, Lenin-Boulevard, La Darnaise, Vénissieux/Lyon. 733 kleiner Sprengstoffkapseln zerlegten hier einen der übel beleumdeten Hochhaustürme. Die Stadtplaner hatten ein Machtwort gesprochen. Ein “symbolträchtiges Zeichen” (Gignoux) sollte gesetzt werden. Der “Turm 67” im Dealer-Viertel La Darnaise ist nur noch Schutt. Mitte April 2000 legten die Architekten Didier-Noel Petit und Olivier Le Bouar an der Stelle des verschwundenen Turmes den Grundstein für eine hübsche, kleine Neubausiedlung. Binnen Jahresfrist entstehen mitten in dem Hochhausviertel zweistöckige Häuschen mit privatem Gemüsebeet, Gartenmauer, Garage... und das alles zum Sozialmietpreis. Für Le Bouar führt der Weg aus der Gewaltkrise französischer Vorstädte über die Wiederentdeckung menschenfreundlichen Bauens und “humaner Dimensionen”, wie er sich ausdrückt. “Statt hunderte von Familien in kaninchenstallartigen Wohntürmen aufeinanderzustapeln gilt es, den Bewohnern des Viertels ein Stückchen Privatheit zu ermöglichen.” Nur so könne so etwas wie “Stolz auf den eigenen Stadtteil” entstehen, laut Le Bouar Voraussetzung für sozialverträgliches Bauen, auch wenn er freimütig eingesteht, dass der Weg dorthin “nicht nur mit architektonischen Mitteln” beschritten werden kann. Nicht alle sind einverstanden mit den Plänen. Hervé richtet, während er sein Frühstück in sich hineinschlingt und die Sprengmeister letzte Hand anlegen, keinen Moment den Blick von dem Hochhaus. “Ich wohne seit 15 Jahren in dem Viertel hier, habe sämtliche Sanierungsaktionen miterlebt; ist doch Schade, Gebäude in die Luft fliegen zu lassen, die gerade ´mal 30 Jahre alt sind.” Und Saliha, auch sie hat sich unter die Schaulustigen gemischt, gibt zu bedenken: “Mit dem Hochhaus verschwinden auch viele Erinnerungen; meine Großtante wohnte hier, der Turm war Teil meiner Kinderzeit.” - Eine ihrer Freundinnen ist ebenfalls skeptisch: “Ich weiß nicht, ob das Sinn macht, diese kleinen Stadthäuser dahin zu bauen, mitten zwischen die restlichen Hochhaustürme die stehenbleiben.” - Das Argument ist auch Architekt Le Bouar schon durch den Kopf gegangen. Aber: “Wir wollen keine neue Spannungen schaffen, sondern den Menschen, die hier in dem Viertel leben, zu einem günstigen Preis gute Wohnqualität bieten.” Keines der neuen Sozialhäuschen soll so aussehen wie das andere, “statt auf geklonte Retorten-Architektur setzen wir auf Variation”. Jedes Haus bekommt eine ganz eigene Dachform, die sich von der des Nachbarhauses unterscheiden wird. Le Bouar ist trotzdem pessimistisch: “Das dauert nicht 30 Jahre, bis sich die Verhältnisse hier im Viertel normalisiert haben werden, sondern eher 70 Jahre.” Eine Umfrage in den Lyoner “Problemvierteln” zeigt, dass gerade einmal ein Viertel der Bevölkerung freiwillig hierher gezogen ist. Jeder zweite will wegziehen, sobald er das nötige Geld dafür auf dem Konto hat. |
Für Architekt Le Bouar ist klar, “der größte Fehler der Wohnungsbaupolitik der sechziger und siebziger Jahre war die Konzentration von Sozialbauten in einigen wenigen Vierteln der Stadt”. Dadurch seien “soziologische Probleme entstanden, sprich: Gettos”. Von den mittleren Einkommensklassen wolle da niemand mehr leben, nur die Armen blieben. Das Problem ist reel: im Ballungsraum Lyon stehen 4.000 Sozialwohnungen leer, meist in den Vorstädten. Auch der “Turm 67” war seit zehn Jahren unbewohnt, Drogendealer und Zuhälter entdeckten das Viertel “La Darnaise”. In den Wochen und Monaten vor der Sprengung sammelte sich hier ein Sprengstoff sozialer Natur an, das Hochhausviertel war tagelang Stadtgespräch. Rebellierende Jugendbanden bewarfen Altersheim und Grundschule mit selbstgebastelten Benzinbomben, innerhalb einer Woche wurden gleich zwei Supermärkte abgefackelt. Der Stadtteil schien außer Kontrolle zu geraten. Viele Eltern sind ihrer Aufgabe als Erziehungsberechtigte nicht mehr gewachsen. Hohe Scheidungsrate, erdrückende Schulden, Diskriminierung der nordafrikanischen Einwanderer auf dem Arbeitsmarkt... “72 Prozent der Arbeitssuchenden wohnen in einem der sogenannten schwierigen Viertel”, betont die Bürgermeisterin von Bron, einer Vorstadt, die durch die hohe Rate angezündeter Autos pro Wochenende regelmäßig von sich reden macht. Die Kinder rutschen ab in die Gewaltspirale: Probleme im Elternhaus, Schulversagen, Kleinkriminalität. Der Umzug in die Lyoner Stadtmitte erscheint vielen Familien als einziger Ausweg aus dem Teufelskreis. - Im luxuriösen Rathauspalast gegenüber der Lyoner Oper stapeln sich einige tausend Anträge auf Sozialwohnungen im historischen Zentrum von Lyon. Doch hier schiebt Gaullist Gignoux einen Riegel vor. Nur in homöopatisch dosierten Kleinstgruppen erlaubt er den Zuzug aus den Trabantenstädten und begründet das mit der fehlenden Infrastruktur, fehlenden Schulen, Jugendclubs, Sozialarbeitern, Ärzten. “Man kann nicht ohne weiteres 15 Probemfamilien in einem Straßenzug einquartieren”, verteidigt Gignoux sein politisches Credo. Damit lege man die Lunte an ein ganzes Viertel, ja “die halbe Stadt”. Gleichzeitig betont Gignoux, “gegen die Gettobildung” zu sein. Wenn es darum gehe “fünf oder sechs Sozialwohnungen in einem Stadtteil” auszuweisen, gebe er fast immer “grünes Licht”. Auch wenn das nicht ganz einfach sei, denn - und das ist ein Kern des Problems - “viele Bezirksbürgermeister sträuben sich mit Händen und Füßen gegen neue Sozialwohnungen vor ihrer Haustüre und berufen sich dabei auf Bürgerpetitionen”. Viele gut betuchte Lyoner haben Angst vor den Sozialmietern, befürchten einen Gewalt-Import aus dem Krisengürtel der banlieues in das bislang halbwegs friedliche Stadtzentrum. Die Mauer ist in den Köpfen, auch in Frankreich. Auf die urbanistischen Sünden der Vergangenheit angesprochen, verweist Gignoux auf die außergewöhnliche Situation der sechziger Jahre. Das Einwanderer-Viertel “La Duchère” beispielsweise sei 1962 innerhalb von gerade einmal 18 Monaten hochgezogen worden. 15-stöckige Wohnblocks und ein 26-stöckiges Hochhaus, 1.950 Wohnungen. Doch damals habe man eben rasch die Rückkehrer aus Algerien unterbringen müssen, “Schiffe voller Menschen, die ein Dach über dem Kopf brauchten”. - Bis zum Jahr 2005 soll “La Duchère” generalüberholt werden. Knapp hundert Millionen Francs sind hierfür eingeplant. Teile der Wohnblöcke werden geschleift, die bleibenden modernisiert, auf den Freiflächen entsteht eine Handvoll kleiner Stadthäuser. Mit fest installierten Videokameras und dem Rückbau toter Winkel und Ecken soll dem Drogendealen ein Riegel vorgeschoben werden. Die Bauarbeiten beginnen im Herbst. Dass es auch anders geht, dass auch in Lyon mietbegünstigtes Wohnen ohne permanente Videoüberwachung funktionieren kann, dass “soziale Mischung” - wie im Gesetzesentwurf der französischen Regierung gefordert - kein abstraktes Gedankenkonstrukt sein muss, das zeigt der Stadtteil “Croix Rousse”, das alte Weberviertel von Lyon. In dem (von einem grünen Bezirksbürgermeister regierten) ehemaligen Textilarbeiter-Stadtteil wohnen alteingesessene Lyoner, Einwanderer aus Deutschland, Marokko, Italien und der Türkei weitgehend spannungsfrei neben- und miteinander. Seit die UNESCO die Lyoner Innenstadt kurz vor der Jahrtausendwende zum “Weltkulturerbe der Menschheit” erklärt hat, ziehen die Immobilien- und Mietpreise allerdings auch im Weberviertel mit seinen typischen Altbauwohnungen steil nach oben. Architekten, Photographen, Opernsänger, Filmschaffende... auf einmal wird das “Croix Rousse” von Yuppies und Dinks als spannendes “In”-Viertel entdeckt. Mit einem vorbildlichen Wohnungsbauprogramm wird auch vielen Großfamilien, Senioren mit Mindest-Rente und Sozialhilfeempfängern erschwinglicher Wohnraum gesichert. Ob gutbetucht oder knapp bei Kasse, eingesessen oder zugezogen, kreativer Dienstleister oder traditioneller Handwerker, jung oder alt, im “Croix-Rousse” gibt es von jeder Sorte Mensch eine kleine Auswahl, die Mischung stimmt, die Stimmung auch. Dafür sorgen zahllose Musik-Kneipen, Eckläden, Alternativtheater, Sportvereine, Kinderkrippen, Spielplätze, Gemüse- und Obstmärkte, Programmkinos... all das, was es in “La Duchère”, “Les Minguettes” oder “Darnaise” lange Zeit nicht gab. Auf den steilen Hängen des “Croix Rousse”-Viertels ist die katholische Kirche nur wenige Meter von der kleinen Moschee entfernt und so manche Sozialwohnung hat an dunstfreien Tagen denselben Fernblick bis zum Mont Blanc zu bieten wie das eine oder andere Künstlerloft. Und beim Araber gibt es neben vegetarischem Couscous und Beaujolais-Rotwein auch Schweizer Müsliflocken im Sonderangebot. Hans von der Brelie |
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