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Wie
jemandem den Unterschied zwischen Paris und Berlin erklären? Auf eine Bierlänge;
und bitte ausnahmsweise mal ganz un-po-li-tisch. Also politically uncorrect?
Vielleicht. Es ist eine biologische Tatsache, dass durch Naturkatastrophen
neues Leben entsteht. In regelmäßigen Abständen wird die Natur von großen
Katastrophen heimgesucht, die auf die betreffenden Menschen verheerend wirken.
Doch es hat sich erwiesen, dass sie für die Natur einen fruchtbaren Segen
bedeuten. Die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten, die sich kurze Zeit nach
einem Waldbrand oder einer Lawine im zerstörten Gebiet ansammeln, ist um ein
vielfaches höher als ihr vorheriger Bestand. Die Zerstörung schafft quasi
eine Tabula rasa. Das eingefahrene Zusammenspiel der ansässigen Pflanzen und
Tiere, das viele andere im Laufe der Zeit ausschloss, wird durchbrochen und
neue Ausgangsbedingungen für alle geschaffen. Eine komplette Neuordnung findet
statt. Wagen wir den Vergleich, und beziehen dies auf Paris und Berlin. Paris
als alte Stadt, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten gleichmäßig entwickeln
konnte; ohne großartige Einschnitte, will heißen ohne Zerstörungen jeglicher
Art. Berlin hingegen als eine von Unglücken heimgesuchte Stadt, die ihr Gesicht
allein in diesem Jahrhundert mehrfach geändert hat (oder ändern musste?).
Da lautet der zugespitzte Vergleich etwa: Paris - schön, Berlin - interessant.
Paris ist wunderschön, eine der schönsten Städte der Erde. Pittoreske Altstadtviertel
im Marais neben prachtvollen «Hausmannboulevards». Der Standort jedes Bäumchens
ist akribisch ausgetüftelt. Die Häuser aus dezentem Sandstein verleihen der
Stadt ihren vornehmen Teint. Wie man heute durch einen der französischen Parks
spaziert, an dem einen oder anderen Palais vorbei, hätte man auch schon vor
ein-, zweihundert Jahren dort lustwandeln können. Es ist eine zeitlose Stadt.
Paris ist eine Wohlgestalt: alles ist aufeinander abgestimmt. Keine «Fremdkörper»,
die das harmonische Bild stören könnten. Steht man erst einmal auf dem Arc
de Triomphe, vom dem aus sich die großen Boulevards sternförmig durch die
dichte Stadt ziehen, kann sich wohl kaum einer mehr dem faszinierenden Chic
und Charme dieser Stadt entziehen. Und ein nächtlicher Spaziergang über den
Pont Neuf, Notre Dame orangerot beleuchtet, oder den glitzernden Eiffelturm
im Hintergrund, verwandelt den letzten nüchternen Realisten in einen Romantiker.
Da wundert es nicht, dass Touristen aus aller Welt restlos entzückt sind und
sich prompt, von Schönheit und Vollkommenheit dieser Stadt verzaubert, verlieben.
All das ist Berlin nicht. Es ist nicht schön, nicht wohlgestaltet und bestimmt
nicht entzückend. Berlin war mal schön; ganz früher. Es hat in diesem Jahrhundert
einige große Umbrüche erlebt. Es war einmal fast völlig zerstört und hat sich
davon immer noch nicht ganz erholt. Seitdem ist es ständig damit beschäftigt,
sich neu zu definieren. In keiner Stadt wird zur Zeit wohl so viel experimentiert,
wie in Berlin: Gebäude in der Form eines Gürteltiers, neben rosaroten Rohren,
neben Kirchenruinen. Die einzige Prachtstrasse führt zu einem riesigen englischen
Park, in dem man noch eine Woche nach der Loveparade die Urinspuren der Technotänzer
riechen kann. Aber, ça bouge! Versteckt in einem zweiten Hinterhof in Berlin-Mitte,
trifft man morgens um vier unverhofft auf eine Performance; illegale Privatparties
Unter den Linden, exquisite Cocktailbars, die sich in siffigen Kellern ansiedeln;
gleich gegenüber der neuen Intermedia-agentur. Der Gang ins Theater erweist
sich als Hindernislauf, ist man doch immer bedacht, nicht mit den feinen Abendschühchen
in den Dreck der zahllosen Baugruben zu treten. Seit der «Wende» steckt Berlin
inmitten einer neuen Gründerzeit; überall entsteht Neues, daneben wird Altes
aufgepäppelt. Und dabei entwickelt sich eine Vielfalt, wie sie sonst wohl
nur selten zu finden ist. Da könnte man doch behaupten, die beiden Stadtbilder
wiesen einige Gemeinsamkeiten mit der Naturkatastrophen-wirken-auch-fruchtbar-These
auf: Paris hat sich beständig und gleichmäßig entwickeln können, ohne Katastrophen.
Und es ward eine sehr schöne Stadt. Aber eine gleichförmige Struktur bietet
wenig Raum für Experimente; selbst das moderne Centre George Pompidou fügt
sich einigermaßen harmonisch in das Stadtbild ein. Alles ist schon so gut
aufeinander eingespielt, die Architektur der Gebäude, deren Innenleben, die
Menschen, die diese Stadt bevölkern, dass diese Eingefahrenheit sich schon
fast in Stagnation verwandelt. Berlin hatte in diesem, sagen wir turbulenten
Jahrhundert, keine Gelegenheit, sich so gleichmäßig zu entwickeln. Das Stadtbild
gleicht einem Flickenteppich. Doch heute, nachdem die «Katastrophen» überwunden
sind, wuselt es in Berlin überall: Künstler, Politiker und Internetbörsenspekulanten
bewegen sich bei ihrem Baustellenslalom in neuen verrückten und futuristischen
(meist hässlichen) Häuser; dazwischen Özgüvenc’s Dönerbude und Konopkes Currywurst.
Neues Leben sprießt überall «artenreich». Nach den Katastrophen gestaltet
sich nun das Neue Berlin.
Aber bitte, keine falschen Schlussfolgerungen ziehen: bitte keine Zerstörungsszenarien
für Paris entwerfen, um ihm «neue Ausgangsbedingungen» zu schaffen! Jede Stadt
hat ihren eigenen Charme und soll so bleiben, wie sie ist. So schön und so
interessant. Naturkatastrophen wünscht man sich schließlich auch nicht herbei.
Es steckt in jedem Unglück eben auch ein bisschen Glück. Frei nach dem Motto:
Scherben bringen Glück. Und wer zerstört schon das gute Meißener, um künftig
mehr Glück zu haben?
Mechthild
Stöhr
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