Bienvenue - WillkommenSommaire - Inhalt
 
Courrier der Leser

Babette Nieder

Simon Lazard

Edito

Ehekrach-Scènes de ménage

Ils urinent autrement

Plattenbau à la lyonnaise

Charabia

Fusions

Von Pinseln und Flügeln

Budapest

Tagung

Jules et Jim

Paris, Berlin, ein Vergleich

Klatsch & Tratsch

AGKV-Intern

Von der katastrophalen Natürlichkeit der Städte:
ein Vergleich zwischen Paris und Berlin

Wie jemandem den Unterschied zwischen Paris und Berlin erklären? Auf eine Bierlänge; und bitte ausnahmsweise mal ganz un-po-li-tisch. Also politically uncorrect? Vielleicht. Es ist eine biologische Tatsache, dass durch Naturkatastrophen neues Leben entsteht. In regelmäßigen Abständen wird die Natur von großen Katastrophen heimgesucht, die auf die betreffenden Menschen verheerend wirken. Doch es hat sich erwiesen, dass sie für die Natur einen fruchtbaren Segen bedeuten. Die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten, die sich kurze Zeit nach einem Waldbrand oder einer Lawine im zerstörten Gebiet ansammeln, ist um ein vielfaches höher als ihr vorheriger Bestand. Die Zerstörung schafft quasi eine Tabula rasa. Das eingefahrene Zusammenspiel der ansässigen Pflanzen und Tiere, das viele andere im Laufe der Zeit ausschloss, wird durchbrochen und neue Ausgangsbedingungen für alle geschaffen. Eine komplette Neuordnung findet statt. Wagen wir den Vergleich, und beziehen dies auf Paris und Berlin. Paris als alte Stadt, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten gleichmäßig entwickeln konnte; ohne großartige Einschnitte, will heißen ohne Zerstörungen jeglicher Art. Berlin hingegen als eine von Unglücken heimgesuchte Stadt, die ihr Gesicht allein in diesem Jahrhundert mehrfach geändert hat (oder ändern musste?).
Da lautet der zugespitzte Vergleich etwa: Paris - schön, Berlin - interessant. Paris ist wunderschön, eine der schönsten Städte der Erde. Pittoreske Altstadtviertel im Marais neben prachtvollen «Hausmannboulevards». Der Standort jedes Bäumchens ist akribisch ausgetüftelt. Die Häuser aus dezentem Sandstein verleihen der Stadt ihren vornehmen Teint. Wie man heute durch einen der französischen Parks spaziert, an dem einen oder anderen Palais vorbei, hätte man auch schon vor ein-, zweihundert Jahren dort lustwandeln können. Es ist eine zeitlose Stadt. Paris ist eine Wohlgestalt: alles ist aufeinander abgestimmt. Keine «Fremdkörper», die das harmonische Bild stören könnten. Steht man erst einmal auf dem Arc de Triomphe, vom dem aus sich die großen Boulevards sternförmig durch die dichte Stadt ziehen, kann sich wohl kaum einer mehr dem faszinierenden Chic und Charme dieser Stadt entziehen. Und ein nächtlicher Spaziergang über den Pont Neuf, Notre Dame orangerot beleuchtet, oder den glitzernden Eiffelturm im Hintergrund, verwandelt den letzten nüchternen Realisten in einen Romantiker. Da wundert es nicht, dass Touristen aus aller Welt restlos entzückt sind und sich prompt, von Schönheit und Vollkommenheit dieser Stadt verzaubert, verlieben.
All das ist Berlin nicht. Es ist nicht schön, nicht wohlgestaltet und bestimmt nicht entzückend. Berlin war mal schön; ganz früher. Es hat in diesem Jahrhundert einige große Umbrüche erlebt. Es war einmal fast völlig zerstört und hat sich davon immer noch nicht ganz erholt. Seitdem ist es ständig damit beschäftigt, sich neu zu definieren. In keiner Stadt wird zur Zeit wohl so viel experimentiert, wie in Berlin: Gebäude in der Form eines Gürteltiers, neben rosaroten Rohren, neben Kirchenruinen. Die einzige Prachtstrasse führt zu einem riesigen englischen Park, in dem man noch eine Woche nach der Loveparade die Urinspuren der Technotänzer riechen kann. Aber, ça bouge! Versteckt in einem zweiten Hinterhof in Berlin-Mitte, trifft man morgens um vier unverhofft auf eine Performance; illegale Privatparties Unter den Linden, exquisite Cocktailbars, die sich in siffigen Kellern ansiedeln; gleich gegenüber der neuen Intermedia-agentur. Der Gang ins Theater erweist sich als Hindernislauf, ist man doch immer bedacht, nicht mit den feinen Abendschühchen in den Dreck der zahllosen Baugruben zu treten. Seit der «Wende» steckt Berlin inmitten einer neuen Gründerzeit; überall entsteht Neues, daneben wird Altes aufgepäppelt. Und dabei entwickelt sich eine Vielfalt, wie sie sonst wohl nur selten zu finden ist. Da könnte man doch behaupten, die beiden Stadtbilder wiesen einige Gemeinsamkeiten mit der Naturkatastrophen-wirken-auch-fruchtbar-These auf: Paris hat sich beständig und gleichmäßig entwickeln können, ohne Katastrophen. Und es ward eine sehr schöne Stadt. Aber eine gleichförmige Struktur bietet wenig Raum für Experimente; selbst das moderne Centre George Pompidou fügt sich einigermaßen harmonisch in das Stadtbild ein. Alles ist schon so gut aufeinander eingespielt, die Architektur der Gebäude, deren Innenleben, die Menschen, die diese Stadt bevölkern, dass diese Eingefahrenheit sich schon fast in Stagnation verwandelt. Berlin hatte in diesem, sagen wir turbulenten Jahrhundert, keine Gelegenheit, sich so gleichmäßig zu entwickeln. Das Stadtbild gleicht einem Flickenteppich. Doch heute, nachdem die «Katastrophen» überwunden sind, wuselt es in Berlin überall: Künstler, Politiker und Internetbörsenspekulanten bewegen sich bei ihrem Baustellenslalom in neuen verrückten und futuristischen (meist hässlichen) Häuser; dazwischen Özgüvenc’s Dönerbude und Konopkes Currywurst. Neues Leben sprießt überall «artenreich». Nach den Katastrophen gestaltet sich nun das Neue Berlin.
Aber bitte, keine falschen Schlussfolgerungen ziehen: bitte keine Zerstörungsszenarien für Paris entwerfen, um ihm «neue Ausgangsbedingungen» zu schaffen! Jede Stadt hat ihren eigenen Charme und soll so bleiben, wie sie ist. So schön und so interessant. Naturkatastrophen wünscht man sich schließlich auch nicht herbei. Es steckt in jedem Unglück eben auch ein bisschen Glück. Frei nach dem Motto: Scherben bringen Glück. Und wer zerstört schon das gute Meißener, um künftig mehr Glück zu haben?

Mechthild Stöhr

Bienvenue - WillkommenSommaire - Inhalt
 
Courrier der Leser